4 Wochen Vietnam?! „Boah, da bin ich total neidisch auf Euch“ – so die Reaktion meiner Arbeitskollegin Maria, als ich ihr von unserem neuesten Kiteurlaubs-Vorhaben erzähle. „Jeder sagt das“, meine ich, „schon fast unheimlich! Aber ich kann es kaum erwarten. Endlich wieder mal zusammen kiten bis zum Umfallen !“ Irgendwie kam dann alles ganz anders …und ich glaube, schuld daran war nur der „böse Blick“!
Im Landeanflug auf Saigon, diese 4-Millionen-Einwohner-Stadt im Süden Vietnams, versuche ich einem schweizerisch-vietnamesischen Paar zu erklären, dass wir „auf jeden Fall auch nach Hué, Hoi An und am besten auch noch nach Hanoi und in dessen spektakuläre Bucht wollen“, die unter anderem einem der James Bond-Filme als Action-Kulisse gedient hat. Aber erst, „wollen wir nur kiten und uns so richtig auspowern, bis wir keine Lust mehr auf Wind und Wasser haben.“
Ich ernte ungläubige Blicke, wie ich es immer tue, wenn ich versuche, den Menschen zu erklären, dass es nur einen Grund gibt, aus dem wir einmal um den Globus reisen, um das Land zu besuchen, in das wir gerade fahren: „Um kiten zu gehen!“
Aufregende Ankunft in Vietnam
Eine Stunde später, im Taxi nach Mui Ne erleben wir das erste Highlight, das Vietnam für jeden Europäer unvergesslich macht: Der Verkehr ist mörderisch! 9 Millionen Mopeds cruisen angeblich durch die Stadt. Und auf einem Moped lassen sich in Vietnam neben einer 5-köpfigen Familie auch noch locker ein Fernseher und/oder der Reisvorrat für die nächsten Monate transportieren.
Weitere fünf Stunden später haben wir es dann auch endlich nach Mui Ne geschafft. Unser Hotel, das Swiss Village Resort, ist toll! Wir sind happy, als wir am ersten Abend mit unserem Saigon Bier am Strand sitzen und die Wellen brechen sehen. Endlich Urlaub…
Nuoc-mam und ein Taifun im Südchinesischen Meer
Am nächsten Abend gehen wir ins „Pogo“, die Bar von Edith – einer Münchnerin, die in Mui Ne ungefähr jeder kennt. Dort lernen wir zwei Typen kennen, die schon seit 3 Wochen dort sind und bisher erst zwei Mal auf dem Wasser waren. „Arme Socken“ denken wir. Das würden wir ja niemals aushalten… „Die haben wohl den bösen Blick abbekommen“, denke ich, und dabei zum ersten Mal an die düsteren Prophezeiungen meiner sizilianischen Freundin Lucia. Denn wenn man zu häufig hört, dass andere ein kleines bisschen neidisch sind, kann das großes Unglück bringen…
Nach 4 windlosen Tagen kennen wir die ganze Gegend um Mui Ne. Wir haben uns ein Moped gemietet, sind an den Lotussee gefahren, haben uns die Turtle Bay und die roten Sanddünen angesehen und einen Ausflug nach Phan Thiet gemacht: Vorbei an der Fischsoßenfabrik haben wir uns durch’s Verkehrschaos geschlagen (wegen des strengen „odeurs“ der Fischsoße (nuoc mam) wäre ich fast rücklings vom Moped gekippt!) – um dann an der Main Street die Nerven zu verlieren und direkt die Heimreise anzutreten
Ja, und der Wind? Ein paar Tage später finden wir heraus, dass im Südchinesischen Meer ein Taifun sitzt, der uns den ganzen Wind klaut. Dieser Taifun muss weg und dann ist angeblich „every day wind“ angesagt, wie Kim, Nam und Etienne von der Windchimes Kitestation uns versichern.
Every day wind!?
Und wirklich – zwei Tage später ist er da, der Wind! Helle Aufregung: Die vietnamesischen Kitejungs springen aus ihren Hängematten, lassen das Backgammon-Spiel zurück und sprinten an die Schirme. Ich packe meinen 9er Crossbow aus, Simon den 10er Switchblade und ab geht die Post! Simon ist nicht mehr zu halten und beeindruckt mit seinen Kitekünsten auch Etienne, den Schulbesitzer, der ihm gleich einen Job für die Wintersaison anbietet. 4 Monate Mui Ne – hat das was? Mal schauen…
Ich als Wellen-Neuling tue mir allerdings erst mal ganz schön schwer: Die Wellen kommen ziemlich unsauber daher! Ich kämpfe mich durch die fiesen Berge und Täler des Kabbelwassers – und versuche, nebenbei auch noch auf die Köpfe der Badegäste zu achten, die wie aus dem Nichts zwischen den Wellenkämen auftauchen. Naja! Wir sind ja noch 3 Wochen hier. Da werde ich sicher zur totalen Wellen-Spezialistin, nehme ich mir abends ganz fest vor…
Am nächsten Tag ist allerdings schon wieder Flaute angesagt und nach ein paar Tagen mit dem Wellenreiter und weiteren 1 ½ Tage mit ein bisschen Wind, drängt sich die Ausflugsfrage auf. Was aber, wenn ausgerechnet dann der Wind kommt? Die drei, ok, zweieinhalb Windtage, die wir bisher hatten, haben weder Windfinder noch Windguru vorhergesehen, dafür mindestens 5 andere Tage, an denen dann absolute Flaute war. Was macht man da?
Wunderbares Saigon – das Paris Asiens!
Nach 2 ½ Wochen in Mui Ne ringen wir uns also durch, unsere Warteposition für einen eintägigen (!) Ausflug nach Saigon aufzugeben. Wir ordern ein Ticket beim Sinh Cafe, dem Reiseveranstalter Vietnams, der mit seinen Bussen das ganze Land durchquert.
Für 4 Euro fahren wir nachts in 5 Stunden die 230 km nach Saigon. Der Busfahrer gibt alles, pfeift mit einem Affenzahn durch kleine Dörfer und quetscht sich mit 100 Sachen zwischen überholten LKWs rechts und entgegenkommenden Reisebussen links durch. Ich schlummere mich mit meiner Quatar-Airways-Schlafbrille und den Ohrenstöpseln ausgestattet durch die Fahrt und träume merkwürdigerweise, dass ich an der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft teilnehme – und gewinne!
Saigon ist toll! Das „Paris Asiens“ begrüßt uns morgens um 6h mit reger Aktivität. In der Saigoner Sinh Cafe Filiale buchen wir einen Ausflug zu den Cu Chi-Tunnels. Die Fahrt aus dem nun wachen Saigon heraus ist ein Highlight: Tausende von Shops, Straßenbuden und Lädchen, die wir sehen, Millionen von Mopeds und Milliarden Stromleitungskabel, die sich durch die Stadt schlängeln. Ob da ab und zu mal ein Bus hängenbleibt?
Bei den Cu Chi Tunnels lerne ich ein neues Wort: Platzangst
Die Cu Chi Tunnels sind krass! Es ist heiß, richtig heiß und feucht. Alles klebt und die Stimmung ist irgendwie komisch. Wir sehen uns einen kommunistischen Propaganda-Film an, der die Helden von Cu Chi ehrt. Danach laufen wir mit unserer vorwiegend chinesisch besetzten Truppe durch die Anlage und kommen schnell an ein winzig kleines Löchlein in der Erde, das einen Ausgang aus dem Tunnelsystem markiert. Einer nach dem anderen aus unserer Gruppe steckt sich selbst in dieses Loch, um sich fotografieren zu lassen. Ich versuche das allerdings erst gar nicht…brrh!
Gegen Ende der Tour geht es aber dann doch noch durch so einen kleinen Vorführ-Tunnel. Er ist für Touristen extra etwas weiter gemacht worden. Als ich mich aber, mit der Nase etwa 10 Zentimeter von dem Hintern meines Vordermannes entfernt, in den dunklen Tunnel hinein bücke, wird mir kurz ganz anders. Irgendwie will ich jetzt doch nicht mehr …! Simon schiebt mich mit einem „rein da jetzt“ in den Tunnel. Mir wird noch heißer als vorher, es riecht feucht, drückend und muffig und es ist dunkel. Schnell ein Foto – wir beide im Tunnel – und dann die erste mögliche Abzweigung nach draußen. Hallelujah!
Zurück in Saigon machen wir das, was alle Reiseführer empfehlen: Wir laufen durch Saigon zum alterwürdigen „Hotel Majestic“ , gönnen uns, wie einst Graham Greene, auf der Dachterrasse des Hotels einen Sonnenuntergangs-Cocktailund genießen den grandiosen (es gibt kein besseres Wort dafür!) Ausblick über den Saigon River. Tatsächlich einer der Momente, den man im Leben nicht vergisst…
6 Tage ist besser als keiner…
Am nächsten Morgen beziehen wir wieder Posten am Strand von Mui Ne. Irgendwann muss der Wind ja wohl jetzt kommen, denn das mit dem „bösen Blick“, das ist ja wohl alles Firlefanz, oder?! Und wir haben richtig entschieden, nicht noch einen Tag in Saigon zu bleiben: Volle 2 Tage kitebaren Wind! Jetzt ist alles gut, ab jetzt „every day wind“. Endlich!
Drei windlose Tage später wird uns dann allerdings erst der nächste Kitetag geschenkt! Der (fast) sechste nach 3 Wochen Vietnam. Danach kommt der Regen, der in den letzten Wochen bereits den Norden des Landes überflutet und zu einer kleinen Cholera-Epidemie geführt hat. Hier im Süden bringt er aber zum Glück keine Krankheiten sondern „nur“ Moskitos.
Die letzte Woche verbringen wir mit Shopping, essen (das Essen in Vietnam ist der Wahnsinn! Super-lecker und spottbillig!) und damit, noch ein paar Spots zu erkunden, die nett gewesen wären, wenn man Wind gehabt hätte.
So gibt es ca. 10km nördlich von Mui Ne, vor Turtle Island, einen ewig langen einsamen „Natur-Strand“ mit super-tollen starken Wellen und kaum Menschen. Am besten fährt man mit dem Moped oder dem Taxi nach Bien Sau, in der Nähe vom Malibu Beach Resort und geht dort raus. Auch die Küste südlich von Mui Ne lohnt sich wohl zum Kiten, wenn man schöne einsame Strände sucht. Um in den Norden nach Nha Trang zu fahren, sollte man aber mehr als zwei Personen sein. Die Kite-Infrastruktur ist dort noch nicht sooo ausgereift, wie in Mui Ne – was sich aber sicher schnell ändern wird. Denn dort oben scheint wohl immer noch ein Tick mehr Wind zu sein…
4 Monate Vietnam? Vielleicht ein andermal…
Ja, das war Vietnam für uns! Was den Wind betrifft, hätten wir wohl kaum mehr Pech haben können. Oder war es doch der böse Blick, der uns das Unglück ans Bein gebunden hat? Statt wie paralysiert am Strand zu sitzen, hätten wir aber unsere Sachen packen und durch’s Land reisen sollen, das so viel an Schätzen zu bieten hat. Aber so ist es beim Kiten – ich denke, wir würden wieder warten. Ein cooler Windtag auf dem Wasser ist es nun mal, was wir suchen!
So long, Eure KiteRebelz


























